Please do disturb. Öfter mal anrufen, weniger SMS und E-Mails schreiben.

Beziehungspflege per SMS, Mail oder FB-Nachricht nervt doch eigentlich wie Sau. Trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei. „Huhu, wir haben uns so lange nicht gesehen. Wollen wir nicht mal wieder Käffchen trinken? Melde dich doch einfach mal!“ Hätte ich die Zeit genutzt, mal zum Handy zu greifen, hätte ich in derselben Zeit schon einen Käffchentermin festgemacht und mir einen zeit- und nervraubenden Larifari-SMS-Verkehr gespart. Auch in der aktuellen Neon fragt sich Fiona Weber-Steinhaus, warum wir so telefonscheu geworden sind. Die Erklärung: Wir sind so kontrollsüchtig, dass wir lieber Whatzapp-Nachrichten und Mails auskomponieren, statt uns in die unsichere Situation eines Telefonats zu begeben, in der wir womöglich mehr von uns offenbaren als gewollt.

Meine Theorie ist eine etwas andere. Einerseits ist Privatheit in Zeiten von Facebook und Konsorten eher eine Frage des Zufalls geworden. Aber im Analogen sind wir sehr darauf bedacht, wen wir wann in unser Leben lassen. Einfach mal spontan anzurufen oder vorbeizukommen fühlt sich mittlerweile an wie eine Grenzüberschreitung. Deswegen schicken wir lieber mal eine SMS oder Mail und überlassen dem Empfänger, wann er sie liest, ob und wie er reagiert. Bloß nicht stören. Vielleicht ist der andere gerade im Zeitdruck, wickelt das Baby, ist auf der Arbeit, macht Mittagsschlaf, ist schlecht drauf, hat schmutzigen Geschlechtsverkehr, guckt Tatort, was auch immer.

Eine schriftliche Nachricht ermöglicht größtmöglichen Handlungsspielraum auf beiden Seiten. Das kann echte Vorteile haben. Aber für den Alltag ist es oft so viel entspannter, einfach mal anzurufen. Neulich hatte ich überraschend Grund zur Freude und war alleine zu Hause. Habe mich an den Rechner gesetzt, die Mailadresse meiner besten Freundin in die Adresszeile getippt, „Quatsch!“ gedacht, Rechner zugeklappt und meine Freundin angerufen. Auf der Arbeit. Verrückt! Aber genau die richtige Idee. Beim Telefonieren kommt so viel mehr rüber. Empathie, Spontaneität – alles in Echtzeit. Dann hat uns neulich ein befreundetes Pärchen abends überraschend besucht (zum wiederholten Male!!!) und uns spontan zum Pizzaessen eingeladen. „Ey, wir haben ein BABY! Jetzt ist BABYEINSCHLAFZEIT! Irgendwann muss ich echt mal sagen, dass es nervt“, textete es in mir. „Also wenn ich die beiden nicht so mögen würde, echt…“ Als darüber nachgedacht habe, habe ich gemerkt, dass ich mich nur so darüber aufrege, weil sich Spontanbesuche eigentlich „nicht gehören“. Aber eigentlich freue ich mich über diese Überfälle, die meine Planung einfach mal durcheinanderschmeißen. Ich könnte ja auch einfach sagen, wenn es gerade überhaupt nicht passt. Ich habe beschlossen, diese rock’n’rollige Attitüde zu lieben.

A propos Komfortzonenerweiterung! In meinem letzten Post habe ich ja großkotzig mein neues Experiment angekündigt. Jede Woche wollte ich mich täglich mit einem Thema beschäftigen, das mich zwingt, meine Komfortzone zu verlassen. Haha! Voll hübsche Idee, aber: Viel zu viel vorgenommen. Nachdem ich das Thema in mir etwas hin- und hergeschubst habe, freue ich mich an dieser Stelle zu verraten, dass ich bald einen zweiten Blog starte. Dort werde ich mich verstärkt mit dem Thema „Raus aus der Komfortzone!“ beschäftigen, aber möglicherweise genauso schlampig und unregelmäßig Inhalte absondern wie an dieser Stelle. Yeah!

7 days and one week

“Wenn Du immer wieder das tust, was Du immer schon getan hast, dann wirst Du immer wieder das bekommen, was Du immer schon bekommen hast.” (Paul Watzlawick)

Aktuell sind „Gewohnheiten“ mein Lieblingsthema. Gestern Abend habe ich ein dazu passendes, launig geschriebenes, mitreißendes und inspirierendes Buch von Sabine Asgodom verschlungen und bin am „3 Zonen-Modell“ hängengeblieben. Demnach gibt es drei Zonen, in denen wir uns alltäglich bewegen: Die Komfortzone: Da weiß ich, was mich erwartet, hier ist es kuschelig, hier passiert aber auch nicht viel Neues. Darum spannt sich die Wachstumszone: Hier wird neues ausprobiert und gelernt, hier kann man zwar auch mal auf die Fresse fallen, hier kribbelt und fetzt es aber auch eher mal. Einen Schritt weiter landet man in der Panikzone, die sich vor allem durch Kontrollverlust auszeichnet. In dieser unspaßigen Zone sollte man sich nach Möglichkeit nicht allzu häufig aufhalten.  Ich liebe meine kuschelige Komfortzone, mag aber Herausforderungen ja auch mal ganz gerne. Und ich stehe auf Selbsterfahrungsberichte. hier gibt’s ab sofort meine eigenen.

„7 days and one week”

Ab heute gibt’s jede Woche ein Thema, dem ich mich jeden Tag ein wenig widmen möchte, eine Aufgabe, etwas, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Mal gucken, was mir so einfällt. Jede Woche ziehe ich dann Bilanz der letzten „seven days“ und werde feierlich verkünden, womit ich mich mit der vor mir liegenden „one week“ lang jeden Tag beschäftigen möchte. Außerdem mag den Song so gerne. Und er erinnert mich an meinen ersten Großraumdiskothekenbesuch mit 14. Eine einschneidende Erfahrung! Und um Erfahrungen geht’s hier ja auch. Deshalb passt es. (Ehrlich gesagt habe ich auch über Wortspiele nachgedacht, die den Bogen zur Mutterschaft und zum Windelvolontariat schlagen – und nach schwachen Einfällen à la „Wochen-Battle“ abgebrochen.)

Hier sind meine ersten Ideen.

Ich könnte eine Woche lang jeden Tag…

… etwas tun, wovor ich Schiss habe. (okay, das bewahre ich mir für später auf. Mai vielleicht.)

… etwas tun, das ich schon lange vor mir herschiebe.

… jemandem helfen.

… etwas völlig neues kochen. (klingt nach einem guten Einstiegsthema.)

… ein aktuelles Album anhören, das mich eigentlich nicht interessiert. (Joni Mitchell. Pfff. Ok, warum nicht.)

… mich mit einer Band beschäftigen, deren Musik mir eigentlich viel zu anstrengend ist. (Wunderbarer Vater, hol die Tool-Box raus)

… ein Buch lesen, an das ich mich bisher nicht herantraut habe.

…  weniger ironisch sein.

… weniger lästern und bewerten.

… etwas für mehr Gelassenheit tun. (Oder so tun, als wäre ich gelassener. Fake it til you make it.)

Und was hat das alles mit meinem Windelvolontariat zu tun? Na ja – ich bin noch rund 12 Wochen in Elternzeit und habe den Kopf frei für solchen Quatsch. Wer weiß, ob ein Wochenmotto „Jeden Tag etwas Handwerkliches tun, obwohl ich zwei linke Hände habe“ so leicht umsetzbar ist, wenn ich wieder arbeiten gehe. Und ach ja. Ich freue mich über Vorschläge und eure Erfahrungen rund ums knacken der Komfortzone.

Uuuund los! Hier ist meine erste Wochenaufgabe:

Ich will mich jeden Tag an einen Ort begeben, an dem ich noch nie war.

Na gut. Das Thema ist ein bisschen dem Umstand geschuldet, dass ich mit meiner Kleinen für heute eh einen Ausflug nach Mölln geplant habe, da war ich nämlich noch nicht – zumindest nicht, dass ich wüsste. Trotzdem habe ich nicht vor, jeden Tag an einen x-beliebigen Ort zu gurken, nur um meine Aufgabe zu erfüllen – es soll schon irgendwie… tja, einen Sinn ergeben. Mir fällt gerade ein, dass wir ein Heimatmuseum haben. OK. Ich merke schon, es wird eine heiße Woche!

Lieder übers Kinderkriegen

„Wenn du da bist… wenn du Licht siehst… und das zum allerersten Mal….“

Nicht erst seit Pur haben Songs übers Elternwerden erhöhtes Peinlichkeitspotential. Manchmal funktioniert es aber. Hier eine kleine, hochsubjektive Auswahl schlimmer und schöner Songs rund ums Kinderkriegen. Da „Abfeiern“ seliger ist denn „Abbashen“, gibt’s nur zwei schlimme Beispiele vorab.

Creed – With Arms Wide Open

“Well I just heard the news today… it seems my life is going  to change..”
Bidde?! Wo warst du, schmalzlockiger Creed-Frontmann, als die Blase deiner Liebsten gesprungen ist? Offenbar ja nicht im Kreißsaal. Vielleicht gemeinsam mit P.O.D. auf Texas-Tour…? “Jungs, ihr werdet es nicht glauben – I just heard the news today!“ Kommt gleich nach Pur.

Muse – Follow Me

Lieber Herr Bellamy, zukünftiger Exmann von Frau Hudson (ich wusste übrigens gleich, dass das nicht gutgeht). Nach „New Born“ hättet ihr dieses Thema einfach abhaken sollen.  Wer embryonale Herztöne als Intro für Rocksongs missbraucht, gehört zudem geknebelt und stundenlang an den CTG gefesselt.

Gut, mag ich:

Foo Fighters – Come Alive

Eine meiner Lieblingsszenen in der FF-Doku “Back and Forth“: Band frickelt im hauseigenen Studio, Dave Grohls kleine Tochter quengelt. Grohl: „Schatz, wir gehen gleich in den Pool. Wir müssen nur noch den Refrain fertig schreiben, okay?“ Nächste Szene: Refrain fertig, Grohl und Tochter toben im Pool. Das perfekte Role-Model für den vollzeitbeschäftigten Daddy, würde ich sagen. Der dazu passende Song ist „Come Alive“. Voll simpler Vaterliebe. „Früher war ich am Arsch, jetzt bist du da, alles ist gut.“

Nada Surf – Here Goes Something

Statt: Ärgh, was für ein Saustall”:  “Look around, what a mess. Anybody’s guess: Here goes something”. Klingt gleich viel entspannter.

Judith Holofernes – Liebe Teil 2 – jetzt erst recht

Du fragst: wie hast du geschlafen, ich sag: weniger als du, du sagst: weniger als gar nicht, aber ich hab schon die Augen zu…“
Habe ich zum ersten Mal gehört, als ich schwanger war und habe spontan losgeheult – überrollt von einem “Ja, genau so wird es bald! Unheimlich scheiße, aber auch unheimlich schön!“-Gefühl. Konnte ja nicht ahnen, dass das Kind die ersten drei Monate durchpennt.

Max Herre – Vida

„Du kamst in diese Welt als Tochter der Sehnsucht…“
Sehr auf die zwölf, trotzdem gut. Mal alleine frühmorgens im Radio gehört und auch hier heimlich ein bisschen gefühlsduselig geweint. Der Vater meiner Tochter findet den Song kitschig und kacke.

Brody Dalle – Meet The Foetus (Oh The Joy)

“You and I, in DNA, you’ll never get away…”
Mutterschaft meets Punkrock. Außerdem singt Shirley Manson mit. Super!

Auf der Suche nach meiner pränatalen Gelassenheit

Schwanger sein war super! Neben der obligatorischen Kurzatmigkeit war eine der besten Begleiterscheinungen eine Gelassenheit, die ich so vorher nie erlebt habe. Nichts schien mich aus der Verfassung zu bringen oder zu stressen. Die Hormone, vermute ich mal. Mir fällt auf, dass sich mein Hormonhaushalt nach einem knappen Jahr reguliert haben muss – mittlerweile  bin ich so leicht reizbar wie vor der Schwangerschaft. Nicht weiter wild, aber schon in einem Maße, das mich stört. Denn: Kind ist nach wie vor gesund, entspannt und wunderschön. Der wunderbare Vater entzückend, Bude warm, Garten groß. Und mir ist meine Lebenszeit mittlerweile einfach zu kostbar für schlechte Laune. Also habe ich auf der Suche nach meinem pränatalen Wohlfühllevel mal enttüdelt, was mich so alltäglich nervt und belastet. Die beste Erkenntnis: Das meiste davon hat mehr mit mir zu tun als mit „äußeren Stressfaktoren“ und ist somit vermeidbar.

Nervfaktor „Vorauseilende schlechte Laune aus schlechtem Gewissen“

Bei Ikea eingekauft, Kind kackt sich ein, Windel vergessen. Doof, aber nicht weiter wild. „Ääärghs. Jetzt sind wir erst in einer Dreiviertelstunde zuhause. Bis dahin hat sie garantiert einen wunden Hintern. Und eigentlich müsste sie auch langsam Hunger kriegen. Schon wieder alles voll blöd geplant.“ Ok – das Kind stinkt, ist aber völlig entspannt, ich bin dafür schon mal im Voraus gestresst.

Oder: Ich auf dem Weg zu Oma und Opa, Kind fängt auf der Rückbank an zu quengeln. „Mist. Jetzt hat sie den Schnuller verloren. Oder sitzt sie unbequem?! Der Gurt quetscht vielleicht ihre Ärmchen ab. Jetzt bin ich schon Höhe Schwartau. Soll ich noch abfahren und mal nach dem Schnuller gucken? Aaaargh. Ach komm, ich fahr durch. Oder…?“ Puls steigt, Laune vorübergehend im Keller.

Perfektionismus, ick hör dir trapsen: „Mein Kind ist gerade nicht optimal versorgt, deswegen darf es mir auch nicht gut gehen.“ Dabei ginge es doch auch anders. Ja, die Wickeltasche vernünftig zu packen, ist das eine. Was ich meine: Selbst, wenn etwas doof läuft und das Kind unzufrieden sein könnte, darf ich entspannt bleiben.

Nervfaktor „Motzen, wenn man eigentlich auf den Arm will“

Nach dem Ikeatrip geht’s mit dem Kackemännchen im Schlepptau ab nach Hause. Vorher versuche ich, den Kinderwagen im Auto verklappen, während sich der Vater um die Einkäufe kümmert.“ Ey, dieses Stecksystem ist zum Kotzen! Warum klemmt das schon wieder?“ Das Adrenalin brizzelt schon im Hirn. Jetzt muss noch das Kind in den neuen Kindersitz gepackt werden – im Nieselregen, dunkel ist auch schon. Kind heult, mir ist kalt, ich finde die Anschnallgurtschnalle nicht. „Was für eine Scheiße!“, denke ich. „Wir sind im 21. Jahrhundert und das ist alles so UNPRAKTISCH! Und wo bleibt eigentlich der Vater?! Muss ich immer ALLES alleine machen?“ Der übernimmt wortlos, nachdem er einen Wohnzimmerschrank und zwei Billyregale  in schlafwandlerischer Sicherheit tetrismäßig im Kombi verstaut hat. „Was‘n los?“ Fragt er dann und clipst das Kind mit einer lässigen Bewegung fest.

„Ach, ich bin so genervt von mir selber. Ich bin einfach ungeschickt, tüdelig und verplant gerade und möchte am liebsten von dir getröstet werden“ Sage ich natürlich NICHT. Denn ich bin ja schon groß, stets souverän, könnte mich ja auch einfach mal zusammenreißen und will eigentlich auch nicht zugeben, dass ich mich von so Kleinscheiß manchmal überfordert fühle. Außerdem heult das Kind ja schon. Also sage ich: „Alles ok.“ Und bin die ganze Rückfahrt über grummelig, weil ich meinen Frust nicht einfach rauslasse.

Wie viel besser wäre es, zuzugeben, dass man gerade nicht rund läuft – verstecken kann ich es erfahrungsgemäß eh nicht. Einfach mal fröhlich bleiben und zugeben: „Ist alles zuviel gerade, hilf mir mal.“

Mein Vorsatz für das Jahr 2015. Nein, für die letzten Wochen des Jahres 2014: Mehr Mut zur Lücke, zur Schwäche, für mehr Gelassenheit. Für weniger hausgemachten Stress, für mehr Spaß. Puh, anstrengend! Aber möglicherweise gut.

Babyskills

Meine achtmonatige Tochter kann wirklich noch nicht viel. Sie krabbelt nicht, zieht sich noch nirgendwo hoch, isst noch keinen Brei mit feinen Stückchen, zum „Kauen lernen“. Dafür hat sie beneidenswerte Fähigkeiten, von denen ich mir zukünftig eine Scheibe abschneiden möchte. Würde ich sie bitten, mir einen Workshop in Sachen Babyskills auszuarbeiten, wäre das die Top 5 der wichtigsten Lektionen:

1. Wenn du müde bist, mach ein Nickerchen. Egal, wo du bist, und was du eigentlich gerade tun wolltest.

2. Iss was, wenn du Hunger hast. Hör auf zu essen, wenn du satt bist.
Ganz einfach, eigentlich.

3. Spiegel sind Spaßfaktoren.
Mein Kind denkt beim Blick in den Spiegel wohl kaum: „Puh, hoffentlich wachsen sich die speckigen Schenkel aus.“ Im Gegenteil – es liebt sein Spiegelbild. Klar, die Kleine checkt noch nicht, dass es ihr Abbild ist, das sie anstrahlt. Ich vermute, sie denkt: „Hallo! Was für ein erfreulicher Anblick! Ein lächelndes Baby! Ich grinse zurück! Och, jetzt lacht es schon wieder! Sehr nett.“

4. Schrei, wenn dir etwas gegen den Strich geht.
„Mmmh. Irgendwie schmeckt der Puten-Mais-Brei echt scheiße. Zu heiß ist er außerdem. Aber Mama hat sich den ganzen Tag schon so den Hintern für mich aufgerissen. Hat mich stundenlang in der Manduca durch die Gegend geschleppt, außerdem habe ich ihr letzte Nacht in die Brustwarze gebissen, und irgendwie sieht sie auch etwas fertig aus. Komm, dann esse ich den Brei halt.“ – denkt mein Baby NICHT! Es brüllt. Brüllen muss man als Erwachsener nicht mehr, es gibt ja sozialverträglichere Arten, zu sagen, was man will und nicht will. Ohne totzuanalysieren, ob es jetzt angemessen wäre, oder nicht. Ganz einfach, eigentlich. Eigentlich!

5. Andere sind pauschal erstmal nett. Und ich bin hinreißend.
Ein zahnloses, breites Lächeln, ein forderndes „Hö!“ und der attraktive Jungspund in der Zug-Sitzreihe schräg gegenüber guckt von seinem Handy hoch, legt den Kopf schief, schäkert zurück. Will ich auch können. Wann geht das eigentlich mit dieser beknackten Befangenheit los? Diese kleinlichen Befürchtungen, man könnte stören, aufdringlich und eben nicht hinreißend rüberkommen, und das sympathische Schräg-Gegenüber will doch viel lieber auf seinem Smartphone die Börsennews checken, als mit einem in der Bahn nett und unverbindlich zu plaudern? Anlächeln, ein bisschen smalltalken… Ist doch auch ganz einfach eigentlich. Aber mein Kind spielt da einfach in einer anderen Liga.

Hausaufgaben: Üben. Alles. Abgucken ist erlaubt!

“Gute Nacht Malia-Julienne. Die Mama geht zum Voguing!”

In der Missy und in der Zeit steht’s drin: „Voguing“ ist gerade der heiße Scheiß auf den Dancefloors. Ein Tanzstil, der unter anderem darin besteht, sich von einer Pose in die nächste zu werfen, überdreht einen imaginären Laufsteg langzulaufen, sich hin und wieder spektakulär auf den Boden zu schmeißen, um im nächsten Moment wieder eine lässige Pose einzunehmen.  Typisch fürs „Voguing“ sind auch die grazilen Armbewegungen. Madonna hat der Bewegung mit „Vogue“ schon in den 80ern ein Denkmal gesetzt. „Voguing“ ist allerdings mehr als nur ein Tanzstil – es ist eine Bewegung, ein „Way of Life“, eine Attitüde und hat seine Wurzeln in der New Yorker Schwulenszene der 60er Jahre.

„Vogueing imitiert die kantigen und doch graziösen Posen von Models auf dem Runway und verbindet sie mit Elementen aus klassischem Tanz, Modern Jazz und Hip-Hop. In dem Namen Vogueing, benannt nach der Modebibel, vereinen sich Spott und Sehnsucht einer Subkultur. Vogueing ist ein Kampf gegen die amerikanische Klassengesellschaft, gegen selbst gesteckte und auferlegte Grenzen, gegen die Armut, das Anderssein, den Rassismus und die Homophobie.“ (Zeit Online)

Fand ich alles ziemlich spannend, nicht zuletzt, weil die von mir heißgeliebte FKA Twigs als moderne Voguing-Ikone gilt. Also ich so rein bei Youtube… und bin stundenlang gefesselt.  Was manche Mädels, Jungs und Drags auf den einschlägigen Battles hinlegen, ist einfach unfassbar.

Abspacken auf allerhöchstem Niveau finde ich schon mal super. Und vieles, was aus der Gayszene zusammenhängt, ist mir pauschal auch erstmal sympathisch. Und nur beim Anschauen der Videos muss ich kichern, kriege Gänsehaut und werde euphorisch. Ich muss! das! ausprobieren! Also gehe ich nächste Woche hin. Zum Tanzen! Jeden Sonntag. Während ich the pose strike, passt mein wunderbarer Mann auch den Nachwuchs auf.

Ein bisschen komisch finde ich es schon, als Mutti aus dem Speckgürtel in einer queeren, verrückten Subkultur zu wildern – einfach, weil’s Bock machen könnte. Vielleicht wird „Voguing“ auch zu einem platten, neuen Fitnesstrend, zum neuen Zumba, und der wütende Protest, der kämpferische Geist verlieren sich auf dem Weg. Andererseits pflegen so viele meiner Homofreunde charmant-spießige Hetero-Riten (Heiraten. Mit der Schwiegermutter nach Malle auf eine Finca fahren. Kinder kriegen.), da finde ich das nur gerecht.

Babybusiness

Seit ich Mutter bin, stelle ich fest: Es gibt so viel, das es noch nicht gibt. Und steige fett ins Babybusiness ein. Irgendwann.

B.Y.O.B. – Bring your own Baby-Party

Mein Baby liebt laute Musik. Ich liebe laute Musik. Ich habe früher für mein Leben gern die Nächte durchgetanzt. Queere Indieparty oder 80er-Floor – egal. Heute tanze ich zu Frank Turner, Seeed oder FKA Twigs arschwackelnd mit dem Kind auf dem Arm durchs Wohnzimmer. Allein. Warum eigentlich? Ich träume heimlich von einer wilden Mischung aus lässige-Mütter-Treff , Teeniedisco (13 – 18 Uhr) und Krabbelgruppe. Auf dem vom „Still- und Chillbereich“ abgegrenzten Dancefloor laufen in gerade noch babytauglicher Lautstärke tanzbare Soul und Reggaekracher, dazu gibt’s in rauen Mengen alkoholfreies Bier (hochgradig milchbildend!). DJ-Angebote und  Locationtipps nehme ich gern entgegen.

www.mybrei.de

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, finde ich die Idee super, bin für die Umsetzung allerdings nicht geeignet. Kann mir aber sehr gut selbstgekochten „Krazy Kürbis“ oder „Poppy Pastinake“ in eingemachten Marmeladengläsern vorstellen, liebevoll gestaltete Etiketten im DIY-Style im Anker- und Eulen-Design sind Pflicht. Dürfte beim Dawanda-Publikum einschlagen wie eine Bombe!

Zwangi die Babyzwangsjacke

„… nein, jetzt mach einfach den Mund auf. Nein, nicht in den Brei fassen. Jetzt LASS die Ärmchen mal… Booah, ist das nervig. Schatz? Wo holst du mal schnell die Babyzwangsjacke?“ Auch bei diesem fair produzierten Produkt aus weicher Öko-Baumwolle dürften Eulen- und Ankerprints unbedingt absatzfördernd sein.

Dein Name auf einem Milchschorfplacken

Na ja. Das packe ich nochmal in die Schublade.

Still-Ecke

„Stillen unterwegs ist ja soooo praktisch, man hat das Essen fürs Baby immer dabei!“ Ja, scheiße. Wer sein Kind schon mal bei C&A im Wickelraum (der zugleich Behindertentoilette ist und kurz vorher als solche wahrnehmbar benutzt wurde) gestillt hat, weiß: Stillen unterwegs ist die Hölle! Warum stattet man nicht einfach Restaurants, Cafés und Läden mit einer Still-Ecke aus? Abwischbares Stillkissen, Einmalüberzüge. Ein Paravent, damit einem nicht jeder auf den Busen starrt. Und auf der zugehörigen Homepage kann man nachsehen, wer den Service anbietet… Oh, ich sehe gerade: Das gibt’s schon. Dass ich darauf nicht eher gekommen bin.

Beikost fetzt

Das Kind ist jetzt schon über ein halbes Jahr alt und bekommt Brei. Natürlich selbstgekocht! Zumindest anfangs. Kürbis aus dem Garten, Kartoffeln aus dem Garten, Rinderhack von der immerhin regionalen Supermarktfleischtheke. So schmurgelte ich alles in kochendem Wasser an, fühlte mich sehr smart, rechnete durch, was ich wohl so im Monat an Geld spare… Na ja, nicht wahnsinnig viel, aber das ganze Altglas – HA! Da können sich andere mit dichtmüllen. Ich kochte weich, pürierte, füllte in Eiswürfelförmchen, fror ein, sprach von „Chargen“, die ich wieder produziert habe, träumte von einer kleinen Babybrei- und Cremesuppenbasis-Manufaktur und sicherte mir schon mal die Domain „mybrei.de“ (neben „Dein Name auf einem Milchschorfplacken“ übrigens nicht die letzte Geschäftsidee seit Beginn der Elternzeit).

Dem Kind schmeckte der selbstgekochte Brei hingegen nur so mittel. Klar – Babys gewöhnen sich ja erst langsam an Neues. Die erste Charge schmiss ich nach drei Tagen weg, weil der Brei irgendwie ranzig schmeckte. Die zweite Charge kam in dem Müll – der Möhren-Hack-Kartoffelbrei war nicht fein genug püriert. (Ich wusste gar nicht, dass mein Kind einen ausgewachsenen Hustenanfall bekommen und mich gleichzeitig vorwurfsvoll angucken kann.) Nur ausnahmsweise und ein bisschen schuldbewusst machte ich dem Kind das Gläschen im Wasserbad warm. Mit aufgerissenem Mund und zappelnden Gliedmaßen haute das Kind das Zeug weg – seitdem futtert es sich durch die Gläschenvielfalt. Und ich sammle Altglas.

Die Tatsache, dass mein Kind das Essen lernt, gibt mir spannende Einsichten in mein eigenes Essverhalten. Zum Nachtisch nach dem Mittagsbrei gibt’s Apfel-Bananenmus, aus rein ernährungsphysiologischen Gründen: Das Vitamin C hilft, das u.a. im Fleisch enthaltene Eisen besser aufzunehmen. Trotzdem erwische ich mich dabei, den Nachtisch als das absolute Highlight der Mahlzeit anzupreisen. „Schnuppi. Halt dich guuut fest. Jetzt gibt’s den – whooa! Nachtisch!“ Nach dem Motto: So, den anstrengenden Rindfleisch-Kartoffel-Rotz hast du geschafft, jetzt kommt die Belohnung! Vermutlich nicht besonders clever.

Noch sehr viel highlightiger finde hingegen den abendlichen Grieß-Korn-Milchbrei, den mein Kind seit neuestem bekommt. „Oh, ist noch zu heiß für dich!“ – und noch einen für Mama. Fickt euch, Landliebe, Ehrmann und Müller mit eurem Emulgator-Zucker-Vanille-Mist: Bio-Grieß-Korn-Brei mit Milch – das ist es. Weich, sahnig, tröstlich, macht ein warmes Gefühl im Bauch – genauso muss Essen sein. Eine weitere strange Erkenntnis dieser Tage: Meine Essensvorlieben müssen irgendwo im Säuglingsalter stecken geblieben sein. Hauptsache, lieblich und matschig. Momentan ernähre ich mich von Kürbiscremesuppe, beim Inder hätte ich gern das mit Kokosmilch, Cashewnüssen und Obst drin, wenn ich nicht jeden Tag mein Eis (in der Waffel, zum stundenlangen Rumnuckeln) kriege, werde ich grantig, morgens gibt’s auch eher Müsli als Spiegelei. Wenn es deftig sein darf: Kartoffelpüree und Spinat bitte. Sollte ich mal ein Thema für eine Abschlussarbeit in tiefenfundierter psychotherapeutischer Ökotrophologie brauchen, wäre das doch mal etwas, das es sich zu erforschen lohnt. Bis dahin gönne mir weiterhin die eine oder andere kulinarische Regression und löffle meinem Baby das Essen weg. Und morgen früh gibt’s Porridge. Whoooa!

Bedienungsanleitung für Erstgebärende

So viele Schwangere gerade um mich herum. Toll! Wenn man selber schon mal ein Kind herausgequetscht hat, freut man sich ja gleich mal mehr mit. Bei den aktuellen Schwangerschafts-Announcements habe ich bei mir eine äußerst spannende Beobachtung gemacht. Zwei von den betroffenen Mädels sind Erstgebärende, wie es so schön heißt. Nachdem mit alkoholfreiem Bier überschwänglich angestoßen wurde, habe ich den seltsamen Drang verspürt, meine noch einigermaßen frischen Erfahrungen gleich mal mitzuteilen. „Also du kannst schwanger ruhig noch abc, musst nur aufpassen mit xyz. Essen solltest du auf keinen Fall abc. Mach dir keinen Kopf über efg, aber opq wird richtig kacke, da kannst du dir sicher sein…“ Gerade konnte ich mich noch so zusammenreißen. Denn zu viel Input überfordert und nervt erfahrungsgemäß einfach, so war es zumindest bei mir. Aus diesem Anlass ist hier mein höchst subjektiver Leitfaden für den konfliktfreien Umgang mit deiner schwangeren Freundin, Cousine oder Arbeitskollegin:

Niemand will deine Dammriss-Stories hören.
Jede Geburt ist unterschiedlich. Also halte dich mit deinen Erfahrungen zurück, ganz besonders mit Horrorgeschichten. Seltsamerweise unterliegen Gespräche unter Müttern einer sich immer wiederholenden Dynamik. Alle wollen sich mit blutigen Details gegenseitig toppen – von Geburtsstillständen über Dammrisse bis Alaska, „und am 3. Tag nach der Geburt heulste. Ist immer so!“ Als schwangere Debütantin dazwischen zu sitzen macht da keinen Spaß.
Alternative: Launige Anekdoten aus den Geburtsvorbereitungskursen sind immer gut, da hat jeder was Absurdes zu erzählen. Oder halte dich an skurrile Kreißsaal-Stories, die gute Laune verbreiten. Ich zum Beispiel erzähle gern die Geschichte meines gutaussehenden Stationsarztes und Matthias Schweighöfer-Doubles „Dr. Schweighöfer“, der mich nach der Geburt untenrum versorgt hat (muhaha). Und wie strange es war, als der süße Typ an meinem tauben Unterleib rumzuppelte und mir gutgelaunt versichert, dass man später garantiert keine Narben sehen würde.

Wenn deine Kollegin schwanger ist
Wenn sich alle mitfreuen und an der Schwangerschaft interessiert sind, ist das toll! Aber es nervt echt, wenn man den ganzen Tag nur noch über Schwangerschaftsbeschwerden und Ultraschallbilder reden soll. Starrt nicht nur auf den Bauch. Und bitte kommentiert nicht jeden Tag, „dass man es ja jetzt schon wirklich sieht“. Dit nervt. Und „Na ihr zwei?“ ist nach dem 25. Mal auch nicht mehr witzig.

Minenfeld Babypause
„Und, wie lange willst du zuhause bleiben?“ kann man ruhig fragen. Eine Antwort wie: „Ein halbes Jahr, dann bin ich wieder am Start“, sollte aber nicht kommentiert werden. „Na, das wollen wir ja mal sehen!“, oder „Oh, sportlich!“ will keine Schwangere hören, niemand will, dass die eigene Lebensplanung in Frage gestellt wird. Lass sie selbst herausfinden, dass die Planung total unrealistisch ist. Oder genau richtig.

DAS möchten Erstgebärende gern hören:

„Braucht ihr noch ein Babybett / einen Autositz / eine Manduca / Klamotten / Spielzeug? Eine selbstgenähte Patchwork-Krabbeldecke?“

„Du siehst fantastisch aus!“
JA, wir wollen alle auf Schönheitsideale scheißen dürfen, wenn wir schwanger sind. Aber: „Von hinten sieht man gar nicht, dass du schwanger bist!“ hört man einfach gern. Im Falle einer signifikanten und immer völlig okayen Gewichtszunahme macht sich ein „…Wie du strahlst!“ auch sehr gut.

„Wenn was ist, kannst du mich immer anrufen. Auch nachts! Das meine ich ernst.“
(Frau V.! Dafür habe ich mir deine detailreichen Dammriss-Geschichten gern angehört!)

„Braucht ihr noch eine Patentante?“ (♥!)

Dreimonats-Koller

Heieiei, irgendwie war viel los in der letzten Zeit. Ich habe mit dem Kind und dem wunderbaren Vater den ersten Mittelmeerurlaub absolviert, das war gut. Die Wochen vorher und seitdem sind dafür umso blöder. Kind gesund / fröhlich / gedeiht prächtig, Elterngeld kommt pünktlich, Wetter gut, und so weiter – JA, ich weiß, ich habe ÜBERHAUPT keinen Grund, zu jammern. Trotzdem schwanke ich aktuell immer mal wieder zwischen zombiehafter Lethargie, Wutanfällen, bei denen ich auch gerne mal trotzkindmäßig Besteck durch die Gegend schmeiße, zwischendurch brülle ich dann noch die Katzen an.  Für Babyblues ist es zu spät, für die Wechseljahre zu früh – es ist ganz klar ein übler „Dreimonats-Koller“.
Ich glaube, das ist es. Die ersten, wahnsinnigen, euphorischen, anstrengenden Wochen seit der Geburt im März sind geschafft, die Abläufe flutschen, Stillen im Restaurant erzeugt keine Stressflecken mehr. Das dreistündige Mittagsnickerchen brauche ich auch nicht mehr. Und nu? Hat der Tag unwahrscheinlich viele Stunden. Und die wollen gefüllt – nein, ERLEBT werden. Weil: NEIN, es reicht nicht, dass ich abends ein sattes, fröhliches, sich geborgen fühlendes Kind ins Bett lege. Ich habe ja ELTERNZEIT und es ist SOMMER, da muss doch noch mehr gehen! Ich muss irgendwie kreativ angeregt werden! Den ganzen Tag Spazierengehen ist doof, Pekip und der ganze Kurskram sowieso. Es muss was dabei rumkommen! Unbedingt unter Leute muss ich auch. Ich muss RAUS! Und das ganze natürlich mit Baby, ist ja klar.
Viele Wünsche, zu viele Ansprüche auf einmal. Aber die gären fleißig vor sich hin und die faulen Gase schlagen mir übel aufs Gemüt. Verwirrt und gefrustet sitze ich dann doch nur auf der Couch rum und brabbele lustlos mein Kind voll und gratuliere uns am Abend, den Tag doch ganz okay rumgekriegt zu haben – vorausgesetzt, ich habe nicht mit Besteck geschmissen, Türen geknallt oder hysterisch geheult.
Argh! Aber es wird besser. Und zwar, seitdem ich meine Austicker als freundliche Warnhinweise meiner Psyche verstehe, dass mir etwas fehlt und ich bitteschön in meinem Leben die eine oder andere Stellschraube drehen möge. Mein Brandmelder piept offenbar etwas lauter und durchdringender als bei anderen, aber den höre ich wenigstens.
Deswegen geht es jetzt Schritt für Schritt vorwärts und fülle unsere Zeit – so, dass es mir Spaß macht und es meiner Kleinen gut geht. Das reicht erst einmal. Und stelle zum Beispiel fest,  dass es auch andere Mütter gibt. Und dass es sogar ganz nette andere Mütter gibt; und dass es auch mal befreiend und sogar durchaus spaßig sein kann, spazieren zu gehen und sich über Babykram auszutauschen. Ox-Kochbücher durchkochen, während das Kind fasziniert zuguckt (klappt für rund 15 Minuten. Da kriegt man zum Beispiel einen Gnocchi-Pilz-Sahneauflauf hin. Bestes Soulfood!). Baby-Yoga. Warum nicht. Hilft wahrscheinlich gut gegen den Drang, Türen zu knallen und so.